Wo bist du?

Der Karfreitag ist kein „Feier“-Tag. Was gäbe es auch schon zu feiern? Wir sehen das Bild des gekreuzigten Jesus. Sein Gesicht ist entstellt, gedemütigt vom Gräuel, dem Leid und der Verzweiflung dieser Welt. Dieser Anblick durchkreuzt unsere Vorbereitungen auf Ostern und richtet gleichzeitig unseren Blick auf die Kreuze unserer Zeit. Wir hören den Gekreuzigten zu seinem Gott flehen, zusammen mit allen, die in Todesnot sind, mit allen, die keinen Trost mehr finden: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Bist fern meinem Schreien, den Worten meiner Klage?“ (Psalm 22) Gott ist scheinbar abwesend. Können wir uns drücken vor diesem Gefühl? Und können wir uns denen entziehen, die – wie Jesus – hilflos nach Gott rufen? Wo ist Gott? Wie zeigt er sich – den Flüchtlingen in ihren Lagern? Den Eltern, die ihr Kind beerdigen müssen? Den Opfern von Missbrauchs-Tätern? Den Zwangsprostituierten aus Rumänien? Den Dahinsiechenden in unseren Krankenhäusern und Altenheimen?
Wir leiden nicht nur an dieser Welt, wir leiden auch an Gott. Und ob es eine trostspendende Antwort gibt, eine Erklärung, die wirklich tröstet und nicht ver-tröstet, weiß ich nicht. Aber der Karfreitag ist auch kein Tag der Antworten. Wenn wir ehrlich sind: Uns bleibt nur zuzugeben, dass wir Menschen die Frage nach Gott und dem Leid nicht beantworten können. Deswegen ist der Karfreitag ein Tag, der uns eine Entscheidung abringt, der uns zwingt – ob wir wollen oder nicht – Stellung zu beziehen: Stelle ich angesichts des Leids in der Welt Gott selbst in Frage, oder stelle ich an Gott die Frage: „Gott, warum all das Leid?“ Der Pfarrer und Theologe Romano Guardini (1885-1968) entschied sich auf seinem Sterbebett für Letzteres. Im Sterben soll er gesagt haben: „Wenn ich nun zu Gott komme, wird er mich bestimmt einige Dinge fragen, die mir unangenehm sind, aber auch ich werde ihm dann einige Fragen stellen...“ „Gott, warum all das Leid?“, wäre eine gute Frage, finde ich. Ich persönlich traue Gott zu, dass er weiß, was er sich und uns zugemutet hat. Ich vertraue darauf, dass Gott nicht nur unsere Frage hört, sondern vor allem den Aufschrei – damals, an jenem Karfreitag in Jerusalem, wie heute aus dem leidenden Herzen jedes Menschen. Und ich baue darauf, dass Gott den Stein vor den Gräbern dieser Welt ins Rollen bringt.
Aber soweit sind wir heute noch nicht. Es gibt keine Abkürzung in den Ostermorgen.

Gebet

Jesus,
du bist allein, von allen verlassen.
Siehst deinem Schicksal ins Auge.
Du hast Angst, Todesangst.
Ich will bei dir bleiben,
schweigend aushalten deinen Weg
durch das Grauen, durch Leid und Tod.
Ich will bei dir sein. Ich will zu dir stehen.
Ich will durchhalten unter deinem Kreuz.
Gott möge dir und uns beistehen!